O’ zapft war
Kolumne 7 / Neue Luzerner Zeitung, 29.10.20076,7 Mio. Maß Bier, 500′000 Güggeli und 104 Ochsen bei 6,2 Mio. Besuchern in 16 Tagen. Prost, Malzeit! Die Rede ist nicht vom Luzerner Oktoberfest, sondern vom gigantischen Original, dem größten Volksfest der Welt. Und da ich momentan in München wohne, ging so was natürlich nicht spurlos an mir vorbei. Also folgte ich den Spuren, in Form von Dirndln und Lederhosen. Aber auch die ein oder andere Bierleiche halft als Wegweiser zur Wiesn. Vorsichtshalber ging ich schon am frühen Nachmittag, um der Gefahrenzone: Betrunkener, grabschender Mann, auch „Wiesnverderber“ genannt, zu entgehen. Tagsüber wird zwar auch gesoffen, aber doch mehr geachterbahnt und geschlendert.
Da angekommen, wird einem ganz kindlich zumute beim Duft von Zuckerwatte, und gebrannten Mandeln. Die unzähligen Fahrgeschäfte tun den Rest. Vom Riesenrad bis zum „Wiesn-Free Fall“, ist alles dabei und nur im nüchternen Zustand zu empfehlen. Dies trifft auch auf die Geisterbahn zu. Allerdings stellt diese gerade für Schweizer, die ja bekannt sind, für ihr militantes Gemüt, eine etwas größere Herausforderung dar. Wir hauen im Schreck ja schon mal so einen gruseligen Geist kaputt. Selber Schuld, um einen Schreck zu kriegen, geht man ja auch nicht in die Geisterbahn. Da reicht schon der Ausschankschluss um 22:30. Da muss man sich schon ranhalten. Und bei 14 Bierzelten, hat man auch beim goldenen Gerstensaft die Qual der Wahl. Am besten man ergattert sich unter freiem Himmel einen Platz in der Sonne. Die Biergärten sind heiß begehrt. Also, wenn man seine Sitzgelegenheit nach kurzem Verlassen wieder haben möchte, sollte man den Tischnachbarn mit den eindeutigen Worten: „I geh zum Bieseln“, informieren. Es ist im Allgemeinen ganz gut, einige Ausdrücke in „Bayrisch“ zu kennen. Zum Beispiel: Die „Brezn“, ist die berühmte bayrische Brezel. Ich bin ja nach wie vor der Meinung, dass ich in Bern schon besserer Bräzeli gegessen habe, aber das sollte man dem Bayer nicht unter die Nase reiben. Sonst sagt er womöglich: „Du Depp“. Ein sehr viel milderer Ausdruck als „Blede Sau“, aber trotzdem in der Anwendung nicht ganz ungefährlich. „Ja, da legs di nieder“, sagt man, wenn man erstaunt, aber auch erfreut ist. Also ein passender Ausdruck, wenn die Kellnerin einen sehr tiefen Ausschnitt hat. Ein “Hendl“, ist auf der Wiesn ein halbes „Güggeli“ und wird mit den Fingern gegessen. Den Knigge kann man überhaupt zu Hause lassen. Da ein Schweizer auch gerne mal übermütig ist, sei zu erwähnen, dass das Tanzen auf Bänken, nicht aber auf Tischen und das Knipsen von Eindrücken, nicht aber unter Röcken, erlaubt ist. Aber auch Sport wird getrieben auf der Wiesn. Bei der „Haserljagt, sieht man wie balzfreudige Burschen, in liebenswertem Bemühen, versuchen die Herzen der feschen Madel zu erobern. Am besten natürlich mit einem g’scheiden Lebkuchenherz. Aber bei allem was man tut: Die Maß in Maßen statt in Massen verhindert ein ungewolltes Blackout. Wäre ja schade um den romantischen Tag.











