Vo Mänsche u Mythe
Kolumne 5 / Neue Luzerner Zeitung, 30.07.2007In zwei Tagen ist es nun soweit und die ganze Schweiz hofft auf eine friedliche Rütli-Feier. Ich werde dieses Jahr ausnahmsweise mal nicht in der Schweiz sein, wenn sie Geburtstag hat. Aber „Rütli- Gschtürm“ hin oder her, feiern tu ich trotzdem. Ich suche mir eine Münchner Weide mit Kuhfladen drauf, beschwöre den Rütligeist herauf, und schieße, der Mythen willen, ein paar Äpfel vom Kopf eines mutigen Bayers. Mal sehn ob ich einen finde. Einen mutigen Bayer, mein ich. Obwohl ich unseren Nationalfeiertag nicht auf dem Rütli feiern werde, bin ich doch froh, dass es andere tun und sie damit unsere Geburtswiese in Ehren halten. Es ist ein bisschen wie mit Greenpeace. Obwohl ich die Natur liebe, fliege ich nicht unbedingt selbst nach Spanien um den Bau illegaler Hotelkolosse zu stoppen. Aber dass es jemand tut, beruhigt mich ungemein. Zu viel Patriotismus, steht dem modernen Eidgenossen sowie nicht. Zu schnell fühlt man sich intolerant und weltfremd. Ein gesunder Stolz auf die Heimat muss da schon reichen. Für alles Grobe, wie zum Beispiel die Ermöglichung einer Nationalfeier, ist die Regierung zuständig. Aber was, wenn selbst der Bundesrat zu cool ist dafür? Natürlich könnte man auch loslassen. Der Konfrontation aus dem Weg gehen, indem man die Bedeutung der symbolträchtigen Weide relativiert. Und so nebenher auch noch einen Haufen Geld spart. Klingt vernünftig, klappt nur leider nicht. Die Mehrheit der Eidgenossen findet: Es gibt Wichtigeres als Geld, selbst in der Schweiz. Ich denke da auch an andere Völker, die ihre Mythen und Legenden kultivieren und stolz präsentieren. Ich meine, die Römer würden die Kuhfladen auf dem Rütli in Bronze gießen und die vergoldete Originalversion im Museum ausstellen. Okay, wir haben keine drei überlebensgroße, in Marmor gemeißelte Kantonsabgesandte auf dem Hügel stehen, die den Rütlischwur darstellen…warum eigentlich nicht? Egal, wir brauchen keine Monumente, keine protzigen Statuen. Wir sind bescheiden und reduzieren unsere Geschichte auf das Wesentliche. Und das Wesentliche ist nun mal diese Wiese als Symbol unserer Freiheit. Wird diese nicht ausreichend gewürdigt, fühlen sich die meisten Schweizer im Stolz verletzt und verunsichert. Die Rütlidebatte widerspiegelt das Grundgefühl der heutigen Gesellschaft. Da schwimmt man eh schon so suchend im Glaubens- Dilemma und weiß nicht so recht wo man hingehört oder hingehören möchte. Tradition und Brauchtum gehen auch so langsam flöten. Nicht dass ich mich freiwillig in ein Trachtenkleid zwängen würde, aber trotzdem wird das Bedürfnis nach Identität und Heimat, in Zeiten der Globalisierung, individuellen Sinnsuche und der Konflikte zwischen den Kulturen, immer stärker. Deshalb halten wir uns gerne an Wissenschaft und Geschichte fest. An Evolutionstheorien kann ich glauben, meiner Vorfahren kann ich gedenken und in der Natur finde ich Kraft und Frieden. Und wenn ich Mystik und Zauber will, schlage ich Schiller auf. Und meine Herren, auch die holde Weiblichkeit kann auf dem Rütli nicht schaden. Solange sie auf den Apfel nur schießt und ihn nicht isst…











