MIA'S KOLUMNEN

Tränen für die Quote

Kolumne 4 / Neue Luzerner Zeitung, 11.06.2007

Da steh ich nun barfuss vor meinem Schauspielcoach und die Tränen laufen mir in Strömen über die Wangen. Von gute Laune zu Todesangst in 30 Sekunden. Heute ist ein guter Tag. Mit angewandter Technik,  habe ich meine Psyche manipuliert und sie zur Reproduktion  von Gefühlen benutzt. Zur Belohnung kriegt meine Seele ein Schoggigipfeli. Ob die angehenden Topmodels in Heidi Klum’s Sendung „Germany’s Next Topmodel“, zur Belohnung auch ein Schoggigipfeli bekommen haben, wenn sie sich im Fernsehen mal wieder seelisch entblößt haben? Wohl nicht. So oft wie die geweint haben, würde wohl eher die körperliche Entblößung zum Problem werden. Schoggi schlägt schließlich auf die Modelhüfte.
Die Anforderungen sind streng. Die blonde Model-Patronin steht kühl vor einer Bewerberin und verkündete mit eiserner Miene, dass man heute nicht zufrieden ist, mit ihrer Leistung auf dem Laufsteg. Die 19 Jährige Bewerberin, entschuldigt sich prompt für die begangene Sünde. Dann der unerträgliche Moment der Urteilverkündung, wo entschieden wird, ob das Mädchen weiterkommt oder nicht. Die Moderatorin zieht den Moment genüsslich in die Länge, die Kamera ist im Close-up auf das Gesicht der Anwärterin fixiert, um ja keine Gefühlsregung zu verpassen. Das ganze wird von einer stimmungsgeladenen Musik untermalt, wie es halt in emotionalen Szenen  in einem Film so gemacht wird. Der einzige Unterschied: Das ist kein Film, sondern Realität. Gezielt werden Gefühle geschürt, manipuliert und dem Publikum zur leichten Unterhaltung verkauft. Mit solchen TV-Modellen, lässt sich auf Kosten junger Seelen viel Geld verdienen. Aber  eigentlich liefert das Format doch nur das, was die Zuschauer sehen wollen: Echte Gefühle, Dramen, soziale Konflikte. Also sind die Konsumenten die perversen Übeltäter? So sitze ich nun da, zum einen selbst ein Teil des Systems, zum anderen ein Konsument, ich Perversling. Warum bleibe ich beim Zappen überhaupt hängen? Warum ist es fesselnd zu beobachten, wie fremde Menschen, echte Gefühle zeigen? Warum fiebere ich mit? Und die zentralste Frage: Bin ich zu dick für diese Welt? Die Antwort ist eine Mischung aus  Identifikation mit den Emotionen anderer, Ablenkung vom eigenen Leben und dem Interesse an der Sozialstudie. Ja, es ist möglich, die Ausflüge in die perversen Abgründe der seichten Unterhaltung,  einen tieferen Sinn ab zu gewinnen. Man sieht sie als Widerspiegelung der Gesellschaft, als Möglichkeit der Selbstreflektion. Und schon  macht man aus einer unrealistischen Seifenwelt, eine anspruchsvolle Angelegenheit. Selbst die Wahl der Gewinnerin des  Topmodel –Wettbewerbes, kann man als  Statement verstehen und lässt auf gesellschaftliche Veränderung hoffen. Eine rothaarige Mathematik- Studentin entspricht nicht gerade dem  gängigen Ideal eines Models. Zumindest habe ich noch nie eine rothaarige Barbie gesehen. Und dann nicht nur auf, sondern auch im Kopf eine Pracht. Na also, die Zukunft bringt kluge Frauen, die Klischees mit Stöckelschuhen treten.


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