MIA'S KOLUMNEN

Print-Torte mit Kirsch vs Internetbrei

Kolumne 20 / Neue Luzerner Zeitung, 20.07.2009

Das wird vorerst meine letzte Kolumne für die Neue Luzerner Zeitung sein. Wenn man in Zeiten der Krise, als Kirsche oben auf der Torte sitzt, muss man sich nicht wundern, wenn man als erstes eliminiert wird. Aber als Kirsche kennt man sich mit Desserts aus und so gibt es noch andere Kuchenstücke für mich. Ein Vorteil am selbstständigen Künstlerdasein. Na ja,  für uns Musiker ist das Leben auch nicht gerade ein Zuckerschlecken, aber wir haben uns schon daran gewöhnt. Unsere Branche war schon vor der Finanzkrise im Arsch.
Die Krise alleine, ist auch nicht schuld, dass die Leser zukünftig auf die Kirschen verzichten müssen. Wie für die Musik-, ist auch für die Zeitungsindustrie, das Internet eine süß-saure Angelegenheit. Die Zahlungsbereitschaft des Musikhörers ist gering, wenn er eine CD umsonst downloaden kann. Genau so hält es die Leute ab Geld für eine Zeitung auszugeben, wenn sie sich im Internet umsonst informieren können. Der Werteverlust wird in der Musik  durch Giveaways und Free- Downloads gefördert, bei Printmedien sind es die Gratiszeitungen und die Infoflut im Netz. Das Konsumbewusstsein, hat sich durch das Internet sehr verändert. Quantität geht über Qualität. Aber, ein gut komponiertes und produziertes Album kostet Geld! Gut recherchierte Artikel kosten Geld! Warum also nicht Geld für Qualität  ausgeben? Eigentlich wissen wir doch wie der Hase läuft. Wir sind  ja auch dazu bereit für eine Biokarotte mehr zu bezahlen, wären äußerst irritiert wenn wir sie umsonst bekommen würden und klauen würden wir sie doch auch nicht, oder?
Was  den traditionellen Zeitungen abgesehen davon, am Meisten zu schaffen macht, sind die Werbefische die in’s Netz schwimmen. Dort werden sie dann von der Googelkrake verspeist. Was von den  Werbeeinnahmen übrig bleibt, reicht nicht aus um guten, freien Journalismus zu sichern. Aber wann ist ein Journalist jemals wirklich frei und unabhängig? Solange die Presse, gewinnorientiert arbeiten muss, kann sie doch nicht frei sein? Neutrale, seriöse Berichterstattung ist doch schon fast eine Seltenheit. Schon oft habe ich Falschzitate und schlecht recherchierte Berichte über mich selbst gelesen, die dann von anderen Zeitungen ebenso unrecherchiert übernommen wurden. Was schwarz auf weiß steht, ist nie entweder schwarz oder weiß.
Da gelobe ich mir doch die Meinungsvielfalt der Bloggerkultur. Am Ende ist der Internetbrei nahrhafter? Vielleicht sollten Printjournalisten gemeinsam mit Bloggern gegen Korruption und Unrecht recherchieren. Ich gehöre auch zu der aussterbenden Gattung, für die eine frisch gedruckte Zeitung in Kombination mit einem Cappuccino, ein kleines sinnliches Erlebnis ist. Aber die Zukunft spricht digital und die Musikindustrie hat vorgemacht, was passiert, wenn man zwar auf  Diät geht aber es versäumt, das Erfolgsrezept der Zukunftsströmung an zu passen und in ein tragfähiges Geschäftsmodell im Internet  um zu wandeln. Bis es soweit ist, picke ich  die Buchstaben aus der Suppe, die jemand anderes auslöffeln muss, und lege sie in meine Songs.






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