MIA'S KOLUMNEN

Rocken oder Zocken?

Kolumne 19 / Neue Luzerner Zeitung, 22.06.2009

Ein bisschen schwindlig ist mir. Laut Gebrauchsanweisung ist das nicht weiter bedenklich, außer der Schwindel hält an, dann sollte man einen Arzt aufsuchen. Seit ich das letzt mal gezockt habe, hat sich ja einiges getan. Die Graphiken sind viel realistischer und dem Joystick ist ein Wireless- Controller gewichen, der vibriert wenn ich mit meinem Auto gegen die Wand donnere. Was sich anscheinend nicht geändert hat, ist mein unbändiger Ehrgeiz, den nächsten Level zu erreichen. Bevor mich die Spielsucht packt, suche ich lieber das Weite, was mir nicht gerade spielend gelingt.
Ein Tick zu schnell gehe ich durch die Strassen, irgendwie bin ich leicht aggressiv, nicht etwa  weil ich zwei Stunden lang rum geballert, sondern meine Spielfigur so klobig durch die Gegend geschoben habe. Meine Treffsicherheit lässt auch zu wünschen übrig. Mein Schritt verlangsamt sich, während ich an meine ersten Spiele denke. Sofort fange ich an die Tetris-Melodie zu summen. Mit Ton machte es immer mehr Spaß. Mir ist nie aufgefallen, die nervig der Tetris- Tune eigentlich ist. Wie konnte ich ihn damals, über Stunden und Stunden ertragen? Weil man das Hirn beim Gamen auf Standby- Modus schaltet? Man kriegt zwar alles mit, führt sogar vollständige Konversationen, kann sich danach aber absolut an nichts mehr erinnern. Die Konzentration auf das Spiel ist so hoch, dass man alles andere ausblendet. Man vergisst zu essen, zu trinken und ab uns zu mal auf die Uhr zu schauen. Computerspiele können Zeitfressmaschinen und extrem unsozial sein. Außer man spielt in der Gemeinschaft. Mittlerweile kann man fast jede Sportart virtuell im Wohnzimmer ausüben oder sich bei Karaoke- Abenden verausgaben.
Spätestens nach dem Alltagssimulator „Sims“,  habe die Spielerhersteller auch die weibliche Zielgruppe geknackt. Das Spiel wurde 100 Mio. mal verkauft und ist die weltweit erfolgreichste Computerspielreihe. Bei der neusten Sims-Version, hat man 70 Merkmale zur Auswahl um Charakter und Eigenschaften seines virtuellen „Ichs“ zu gestalten. Statt aber einen  komplett anderen Charakter zu erschaffen wählen die SpielerInnen mehrheitlich eine Figur, die ihnen selbst sehr ähnlich ist. Mit dem Unterschied, dass die virtuelle Figur noch etwas hübscher, erfolgreicher und reicher ist. Das könnte man als Virus der Wohlstands und Leistungsgesellschaft sehen. Der Druck auf die Menschen wird so groß, dass sie in eine virtuelle Parallelwelt flüchten. In der Sims-Stadt „Sunset Valley“,  kann man ohne Risiko ausleben, was im richtigen Leben nicht klappt. Auf diese Art und Weise, rebelliert die heutige Frauengeneration gegen das unerreichte Ideal. Das blöde daran: Durch das ständige vor dem Computer sitzen, wird man weder dünner noch erfolgreicher  und falsche Idealvorstellungen werden erst recht nicht beseitigt. Also doch lieber rocken statt zocken! Oder wie in meinem Fall, beides gleichzeitig. Beim Bandbus einräumen, singe ich die Tetris -Musik und die Jungs  räumen die Instrumente und Boxen über und ineinander, so dass keine Lücken entstehen. Mein Bassist kann das richtig gut. Super, Mario!



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