MIA'S KOLUMNEN

Dilemma Digital

Kolumne 16 / Neue Luzerner Zeitung, 27.09.2008

Ich war gerade dabei eine neue Tintenpatrone für meinen Drucker zu kaufen als es mich eiskalt erwischte. Wie angewurzelt stand ich da, Tränen schossen mir in die Augen, während ich meinen Blick nicht vom Regal abwenden konnte. Der Ladenverkäufer schaute mich leicht besorgt an. „Es ist mein erster, ich meine, mein erster in digital“, waren meine erklärenden Worte, worauf er etwas bedröpelt hinter den mp3- playern verschwand. Wie konnte das passieren? Sie hatten sich klammheimlich an mir vorbei entwickelt und nun standen sie da: Digitale Bilderrahmen. Falle ich aus dem Rahmen, weil ich nicht im Bilde war? Mein Blick wanderte rüber zu  den Holzbilderrahmen, die mir plötzlich so altertümlich vorkamen, wie sie da so traurig in der Ecke lagen. Hingegen hier vor mir, stand die Zukunft. In klobigen Kinderschuhen, aber entwicklungsfähig. Schon  in einem Jahr würde sich Ästhetik und Bildqualität erheblich verbessert haben. Trotzdem, ich mag meine Pixel auf dem  Papier, so! Werde ich etwa alt? Ein prüfender Blick in den Spiegel, dann zur Tintenpatrone in meiner Hand, dann Abgang nach links, raus aus dem Laden.  Aber schon an der nächsten Ecke, wartete das nächste  Digital- Dilemma:  Bert’s kleiner Buchladen. Als ich von der Digitalisierung von Büchern erfuhr, war ich vier Tage nicht ansprechbar, saß stundenlang in der Bücherei und inhalierte den Geruch von Papierseiten und Tintendruck. Bis ich auf die Idee kam, dass ich den Geruch von Bäumen  eigentlich auch ganz gerne mag. Paperlapap, klicken ist nicht blättern. Die Vergangenheit holte mich ein, ich musste dringend mit jemanden chatten. Meine Freunde fanden beruhigende Worte:“ Die Stromversorgung von Digitalrahmen ist zu hoch. Das wird sich nicht durchsetzen.“ In meinem Ego-Romantik-Anfall, hatte ich schon wieder die Natur vergessen. Aber ja, das steigende Umweltbewusstsein würde uns vor der vollkommenen Digitalisierung bewahren. Denn neben dem Stromverbrauch, verursachen Digi-Rahmen auch noch Elektromüll. Aber wären solarbetriebene  Akkus denkbar? Ist ein digitaler Bilderrahmen am Ende umweltfreundlicher, als ein ausgedrucktes Bild in einem Holzrahmen? Schuldbewusst wanderte mein Blick zu meiner gerade gekauften  Farbtintenpatrone. Das kleine Ding ist doch bestimmt hochtoxisch.  Durch den Fotoausdruck erhöht sich der Papierverbrauch. Und falls die Bilder analog entwickelt werden, verbraucht dieses Verfahren etwa mehr Strom, als das Betreiben eines digitalen Bildschirms? Und überhaupt, warum sträubte ich mich so gegen diese Neuentwicklung? Ich hatte doch auch keine Sekunde gezögert, meinen analogen Fotoapparat gegen eine Digicam einzutauschen, bei meiner ersten Datenübertragung per bluetooth, habe ich gejubelt und als ich das erste Mal wireless lante, schmiss ich eine Party unter dem Motto: Kampf der Kabel. Mein Apple ist mein täglich Brot. Nenn mich Miss Gigabyte. Warum fühle ich mich dann wie Nostal-Girl?
Vielleicht, weil man Digitalbilder nicht anfassen kann, weil Digitalbücher höchsten nach Aluminium und Plastik riechen und weil das Umblättern einer Digitalseite kein Geräusch erzeugt…noch nicht.


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