Rock ganz Klassisch - und keiner hat die Hosen an
Kolumne 15 / Neue Luzerner Zeitung, 15.09.2008Wir wollten doch nur spielen und vielleicht ein bisschen flirten. Niemand hätte gedacht, dass das Ganze in einem flotten Dreier endet. Zigarette? Aber ich fange mal lieber von vorne an. Das Murten Classic Festival feierte in diesem Jahr Jubiläum und sollte mit einem ganz besonderen Konzert eröffnet werden. Rock, also meine Band, sollte sich mit der Klassik, der Camerata Schweiz, einmalig zu diesem Anlass, vereinen. Aber die Klassik sollte nicht wie üblicherweise, als Bettlaken unter den Rocksongs liegen, sondern auch mal die Führung übernehmen. Also quasi ein Geben und Nehmen in verschiedenen Positionen. Ich war der Strich zwischen dem Ping und dem Pong. Versuchte meine Position zwischen Macho und Softie zu finden und den verschiedenen Temperamenten, mit Taktgefühl und dem richtigen Ton entgegen zu treten. Das größte Hindernis war relativ schnell ersichtlich: Verschiedene Vorlieben. Die ersten Annährungsversuche fühlten sich an, als würde man beim Kamasutra die Peitsche rausholen oder dem Sadisten eine Feder in die Hand drücken. Die Unterschiede machten sich bereits beim Eintreffen an der Probelocation bemerkbar. Während die Rockmusiker ihre Instrumente und Verstärker in den Saal hievten und sich mit lockeren Sprüchen auf die ungewohnte Atmosphäre einstellten, saßen die Klassiker auf der anderen Seite kerzengerade auf ihren Stühlen und beobachteten das Treiben etwas skeptisch. Zur Einstimmung bevorzugt der Typ „Rocker“ ein Bier, während der Typ „ Klassisch elegant“, mehrheitlich nach Tee verlangt. Ich mag Tee. Und außerdem, wie konnte ein Orchester von 30 Leuten so ruhig und diszipliniert sein? Meine Augen verloren sich in den Geigenkoffern, die mit vergilbten schwarz-weiß Fotografien und seidenen Tüchern versehen waren und an liebevoll ausgeschmückte Schreine erinnerten. Während auf der anderen Seite, die Instrumentenkoffer der Rocker achtlos in der Ecke lagen. Kein Schrein, dafür ein halbabgerissener 80-ger Jahre Aufkleber. Meine Augenbraue schoss nach oben. Wie lieblos. Schnitt. Jimi Hendrix wie er seine E-Gitarre zerstört. Lieblos, aber Leidenschaftlich…und nicht unsexy. Kaum gedacht, schoss mir auch gleich eine Ladung Stromgitarren-Schmutz in den Gehörgang und holte mich zurück in’s hie und jetzt. Wo ich nicht lange blieb, denn von links wurde ich zärtlich in vergangene Zeiten gezogen und gestrichen, als wäre ich eine Prinzessin und würde im Leben meines anderen Liebhabers definitiv die erste Geige spielen. Zwischen Taktstock und Drumstick, zwischen fix improvisiert und notenfixiert, schallten die Wellen durch den Raum und wieder zurück zu mir. Und danach wird auch noch gekuschelt.
Anders wie beim Rockpublikum, ist das Klassikpublikum am Ende komplett nüchtern, und hat deshalb auch mehr Energie um lange klatschen zu können. Die Zuhörer stehen sogar auf, wenn ihnen das Konzert gefallen hat. Was bei Rockkonzerten nie passiert, was wohl hauptsächlich daran liegt, dass abgesehen von den paar Schnapsleichen, die auf dem Boden rum liegen, eh schon alle stehen. In diesem Sinne, ging er glatt über die Bühne, mein One-gig-stand.











