MIA'S KOLUMNEN

Bier, Chips and Kick’n Roll

Kolumne 10 / Neue Luzerner Zeitung, 10.03.2008

Blutig rot sind sie, die kleinen, runden Punkte, die das Schienbein meines Freundes zieren. Nein, es waren nicht meine Stöckel, es waren die Stollen, die vom Gegenspieler. Von wegen: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. „Nach dem Spiel kaputt, vor dem Spiel fit“, müsste der Spruch heißen. Schiienbeiiinschoooneeer, schreibe ich sogleich auf die Geburtstagsgeschenkliste. Als ob das als Schutz reichen würde. Wenn ich da an all die Schürfungen und Quetschungen denke. Nicht zu vergessen, den Kreuzbandriss im letzten Jahr, der Volltreffer unter den Fußballverletzungen. Aber die Faszination Fußball ist nicht zu bremsen, schmerze es, was es wolle. Schließlich lasse ich mich auch zeitweilig davon anstecken. Bei der letzten WM zum Beispiel, habe ich kein Spiel unserer Nati verpasst und die Euro wird mich wohl auch noch kriegen. Aber ein wahrer Fan, fant auch zwischen dem WM und Euro-Fieber. Ich will wissen warum. Leider nimmt mich mein Freund nicht mit, wenn er ein Fußballspiel hat. Dabei könnte ich ihn als Cheerleader verkleidet lautstark anfeuern oder die Gegenspieler maßregeln, wenn sie zu hart mit ihm umgehen. Wäre doch super, klimper, klimper. So wie’s aussieht, habe ich mir die Quelle gründlich versaut. Aber was soll’s, beim Fußballplatz um die Ecke, konnte ich am Sonntagnachmittag, trotzdem meinen Studien nachgehen. Und ich muss sagen, ich hab selten so viel Spucke durch die Luft fliegen sehen. Gefolgt von lauten Zurufen. Da wird gelacht, gefault, geflucht. Testosteron im Hochkonzentrat. Und hochkonzentriert ist der Spieler, wenn er am Ball ist, alle Muskeln sind anspannt, die ganze Kraft mobilisiert, so ganz  im Moment, als Teil des Teams, mit einem einzigen Ziel. Und dann das Glücksgefühl, wenn das Runde in’ s Eckige trifft. Da sind sie wieder, die Emotionen. Von wegen, Männer können keine Gefühle zeigen.
Aber bitte nicht zu viel davon. Schließlich geht es hier immer noch um  einen primär männlich, geprägten Spitzensport. Mit Betonung auf hetero-männlich. Der Profifußball outet sich höchstens als stock konservativ. Rosa Trikot hin oder her. Anders ist es bei den Ladies. Die meisten leben ihre Homosexualität offen und kicken somit nicht nur Bälle sondern auch Ärsche.
Trotz allem, verliert der Fußball nicht seinen Glamour. Die Begeisterung ist global, in jeder Alters- und Sozialschicht zu finden. Fußballer sind Popstars, Werbeträger. Ihre Fans sind meistens leider nur halb so fit wie ihre Idole. Der Durchschnitt stellt sein Bier auf dem Bauch ab. Offensichtlich identifizieren sich der zwölfte Mann so sehr mit seinem Lieblingsverein, dass er die eigene sportliche Betätigung gar nicht mehr braucht. Warum auch. Es lässt sich gut abschalten, mit Chips, Bier und Fußball. Selbst bei mir funktioniert es und das soll was heißen. Normalerweise hilft nach einem langen Produktionstag im Musikstudio nur mehrfaches Kopf gegen die Wand hauen, um die Töne  wieder aus dem Hirn zu schütteln. Fußball, bewahrt mich also quasi vor Verletzungen. Wer hätte das gedacht?


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